#10 An der Bar mit Politikerin Kristina Frank: Wie lernen wir, neugierig zu bleiben?
28.11.2024 56 min
Video zur Episode

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Zusammenfassung & Show Notes
Staatsanwältin, Richterin, Politikerin … das ist nur ein Auszug aus dem Leben von Kristina Frank, die heute mit mir an der Bar sitzt. Mit ihr spreche ich über einen tragischen Zwischenfall, der sie in die Politik gebracht hat, wie sie Münchens Oberbürgermeister in die Stichwahl gezwungen hat, was es heißt, als Frau in der Politik Karriere zu machen, warum wohnen in München eigentlich so teuer ist – und was sie dagegen tun will.
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Transkript
Der Fall, der mich aber am meisten nach wie vor auch beschäftigt, ist ein Kollege von
mir, wurde am Amtsgericht in Dachau während seines Plädoyers in seiner Funktion als Staatsanwalt
vom Angeklagten erschossen.
Erschossen?
Erschossen.
Im Gerichtssaal?
Im Gerichtssaal.
Für mich war damals klar, dass ich alles das, was ich an politischer Erfahrung habe
und an Kontakten habe, einfach nutzen wollte, um die Situation zu ändern.
Okay.
Um mehr Kontrolle an Gerichtssälen zu bewirken.
Was würdest du denn sagen, muss man mitbringen für einen Job in der Politik?
Eine wahnsinnig hohe Stressresistenz.
Also wenn du nicht jemanden zweiten an deiner Seite hast, der dir den Rücken frei hält,
egal ob männlich oder weiblich, völlig wurscht, ist es wahnsinnig schwer.
Es gab tatsächlich auch zuvor noch nie einen SPD-Oberbürgermeister, der in eine Stichwahl
musste.
Also es war tatsächlich das erste Mal, dass das überhaupt passiert ist.
Ja, ich finde die Frage deshalb interessant, also inwiefern man daran glaubt, weil ich
mich oft frage bei Politikern, auch jetzt gerade wieder bei einem Olaf Scholz, der jetzt
in den Umfragen irgendwo bei 15 Prozent steht und sich hinstellt, ich werde wieder Kanzler
werden.
Ja, glaubt der das?
Also jetzt frage ich dann dich, glaubt man wirklich daran oder muss man es einfach sagen,
weil sonst einen ja keiner wählt?
Hast du daran wirklich geglaubt?
Willkommen zu einer neuen Folge nah, neugierig & Negroni.
Willkommen an der Sundowner-Bar, an der ich heute mit Kristina Frank sitze und viele
Münchnerinnen und Münchner werden sie ganz bestimmt kennen, weil sie in ihren jungen
Jahren schon sehr viele Ämter hier in der Stadt inne hatte.
Sie war zum Beispiel schon Richterin, Staatsanwältin, Stadträtin, Kommunalreferentin, 2020 dann
auch Oberbürgermeisterkandidatin und ist jetzt im Bereich bezahlbares Wohnen unterwegs.
Und wir reden in unserem Gespräch natürlich über ihre Laufbahn, natürlich zum Beispiel
auch darüber, inwiefern ein ganz tragischer Zwischenfall, bei dem ein Kollege im Gerichtssaal
erschossen wurde, dazu geführt hat, dass sie in die Politik gewechselt ist.
Was man überhaupt so macht als Stadträtin, als Kommunalreferentin, über die Oberbürgermeisterwahl
2020, bei der sie den Amtsinhaber Dieter Reiter in die Stichwahl gezwungen hat und natürlich
über die Frage, warum Wohnen in München eigentlich so teuer ist und was sie künftig
dagegen machen möchte.
Ganz viel Spaß bei einer neuen Folge mit Kristina Frank.
Kristina, ich freue mich sehr, dass du heute hier an der Sundowner-Bar zu Gast bist und
wir fangen natürlich mit dem Getränk an, das du dir gewünscht hast.
Du darfst gern selber kurz sagen, was war's,
wird's bei dir?
Ein Virgin Gin Basil Smash.
Okay.
Damit es auch richtig kompliziert anfängt heute.
Ja, genau.
Aber ein cooler Drink, den wir auch noch nicht hatten.
Auch autofahrerkompatibel in deinem Fall jetzt.
Und mit dem Drink kommt die Frage, was können andere von dir lernen?
Ja, in der Tat habe ich da ziemlich lange drüber nachgedacht, weil ich das gar nicht
so einfach finde, die Frage, was andere lernen können.
Es fällt mir immer viel einfacher zu sagen, was ich vielleicht von anderen Personen lernen
kann, als so rum.
Aber ich habe dann euren Titel angeschaut und habe mir gedacht, eigentlich hättest
du gleich dran denken können.
Weil eigentlich ist es, glaube ich, der Funken Neugierde, den ich mir behalten habe.
So eine kindliche Neugier, zu erfahren, warum ist es gerade so, wie es ist, hinter verschlossene
Türen zu schauen, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, einfach rauszufinden, warum Dinge
so passieren, wie sie passieren und was für eine Intention dahinter steckt.
Diese Neugier zu haben, das nach wie vor rausfinden zu wollen und nicht einfach zu sagen, das
hat mir jetzt nicht in den Kram gepasst und so bleibt es jetzt.
Ich glaube, diese kindliche Neugier, Scheunentore aufzumachen und zu schauen, was sich
drin versteckt, das ist vielleicht etwas, was man durchaus von mir ein bisschen lernen
könnte.
Okay, schön.
Und da werden wir jetzt auch noch ein bisschen eintauchen.
Ich sage erstmal "Cheers" zum Beginn.
Sieht phänomenal aus, vielen Dank.
Also optisch macht er richtig was her.
Ja, ganz toll.
Vielen Dank, Kilian.
Und ich sage nochmal ganz kurz, ganz ein schneller Schwenk durch deinen Lebenslauf, Kristina.
Du warst Staatsanwältin, du warst Richterin, dann Kommunalreferentin der Stadt München,
hast im März 2020, warst du auch Oberbürgermeisterinnenkandidatin, kann man dann sagen, damals gegen Dieter Reiter
kandidiert, erst in der Stichwahl dann verloren und heute bist du im weitesten Sinne im Bereich
bezahlbares Wohnen unterwegs mit deiner Holding und wir kommen auf all diese Stationen.
Also sehr, sehr spannender und auch bunter Werdegang, vor allem, wenn man jetzt einbezieht,
dass du jetzt ja nicht schon knapp vor der Rente stehst.
Also das ist jetzt auch ein Lebenslauf, da ist schon einiges mit dabei.
Vielleicht mal zum Warmwerden.
Bist du denn ein Münchner Kindl?
Hast du dein ganzes Leben in München verbracht?
Ja, ich bin ein Münchner Kindl und auch ein bisschen stolz drauf.
Ich finde, das ist schon was besonders Schönes, in dieser wunderbaren Stadt geboren sein zu
dürfen.
Ich war fast immer da, habe aber ein bisschen über den Tellerrand auch schauen wollen.
In meinem Referendariat habe ich zwei Auslandstationen gemacht und in Jakarta, in Indonesien gearbeitet,
dort in der größten Kanzlei des Landes, was in der Tat ziemlich spannend war für mich
auch, weil es ein totaler Kulturwechsel gewesen ist.
Größtes muslimisches Land der Welt.
Damit würde man Indonesien ja vielleicht nicht zwingend verbinden und auch Scharia geprägt.
Und in meinem Zeugnis stand verklausuliert auch nachher, dass ich zu viel Selbstvertrauen
für eine Frau habe, was dann schon auch sehr tief blicken lässt am Ende.
Ich war auch in Australien, in Sydney und habe dort für die Außenhandelskammer gearbeitet.
Auch das war sehr spannend.
Und sonst reise ich echt für mein Leben gern.
Das ist was, was ich wahnsinnig gerne mache, was jetzt im Job natürlich immer zu kurz
kommt, aber nichtsdestotrotz versuche ich, jedes Land vielleicht ein oder zwei Mal zu
bereisen, wo es einen jetzt normalerweise noch hinziehen kann.
Also wenn es dann Tuvalu wird, dann wird es schon sehr, sehr schwierig, da hinzukommen.
Aber so das ein oder andere Land, einen Länderpunkt zu sammeln, das mache ich schon gerne.
Ja, cool.
Du hast es gerade schon angedeutet oder wir hatten es auch am Anfang schon gesagt, du
hast ja deine Karriere im Justizumfeld begonnen.
Wie kam es dazu?
War das immer dein Berufswunsch?
Ja, in der Tat.
Also ich wollte tatsächlich immer Richterin werden.
Schon in der Schule.
Das war total meins.
Damals gab es Richterin Barbara Salesch.
Die hat dich inspiriert?
Die hat mich nicht zwingend inspiriert, aber damals war so die Hochzeit der Gerichtssendung.
Also da gab es nachmittags x Gerichtssendungen und ich fand es wahnsinnig spannend und vor
allem fand ich den Gedanken wahnsinnig spannend, für Gerechtigkeit sorgen zu können und für
ein funktionierendes Rechtssystem, auf das man sich einfach verlassen kann.
Und ich habe dann auch schon meine Facharbeit damals über Strafprozessrecht geschrieben
und bin dem Thema dann auch irgendwie treu geblieben.
Von dem her, es sollte eigentlich immer die Richterin sein, aber jetzt bin ich es ja trotzdem
nicht mehr wirklich.
Wobei man sagen muss, ich habe den Luxus nach wie vor Richterin zu sein und bin jetzt gerade
beurlaubt.
Achso, man bleibt es immer offiziell irgendwie oder wie?
Es kommt drauf an.
Also es kommt drauf an, welchen Job man hat, aber sowohl als Kommunalreferentin als auch
jetzt, bin ich ja, man kann vielleicht sagen, gemeinnützig unterwegs.
Also ich tue ja nach wie vor was für die Gesellschaft und für den Zweck kannst du
dann aus dem Richterdienst beurlaubt werden.
Das heißt, ich bin nach wie vor Richterin auf Lebzeit.
Ah ja, okay.
Und aber Staatsanwältin warst du auch, ne?
Staatsanwältin war ich auch.
Wie rum?
Also erst Richterin, dann Staatsanwältin?
Erst Staatsanwältin, also erst Anwältin, dann Staatsanwältin, dann Richterin.
Okay, okay.
Und das muss ja in jungen Jahren gewesen sein, oder?
Das stimmt.
Also ich musste damals, ich komme aus eher einfachen Verhältnissen und musste damals
schauen, ich habe BAföG bekommen und jeder, der BAföG hier in München kriegt, weiß,
dass du dann irgendwie trotzdem nur Nudeln mit Butter essen kannst, weil zu viel mehr
reicht es einfach schlichtweg nicht mit der Miete und Co.
Deswegen habe ich damals einfach geschaut, dass ich möglichst schnell studiere, möglichst
schnell anfangen kann zu arbeiten.
Weil klar, du kannst was dazu verdienen zum BAföG, aber selbst wenn du den Höchstsatz
damals hinzuverdient hast, also wusstest du immer noch nicht so wirklich, wie es funktioniert
und musstest, bevor du in irgendeinen Club gehst, indem du dir dann hast eine Cola leisten
können, irgendwie ordentlich vorglühen gehen.
Okay.
Anders hat das auch damals nicht funktioniert und deswegen habe ich einfach Gas gegeben,
um schnell wirklich Geld verdienen zu können und habe dann mit Mitte 20 angefangen als
Anwältin.
Und was für Fälle waren es in deiner Zeit als Staatsanwältin?
Als Staatsanwältin habe ich sehr unterschiedliche Zuständigkeiten gehabt.
So unerlaubtes Glücksspiel, was schon mal per se ganz spannend ist, aber ehrlich gesagt
eigentlich meistens nicht so, wie man sich es vorstellt, dass man in irgendwelche verrauchten
Hinterzimmer geht und keine Ahnung, der Casinotisch zusammengeklappt wird.
Sondern da geht es eigentlich mehr um Sportwetten und Co. und eigentlich dann schon schnöde
irgendwie digital abgewickelt.
Die allgemeinen Strafsachen waren bei mir aber vor allem auch die Kapitalstrafsachen,
also Mord und Totschlag.
Haben wir denn so viel Mord und Totschlag in München?
Das ist eine gute Frage.
Ich kann sagen, normalerweise passiert der Mord im allernächsten persönlichen Umfeld.
Also am schwierigsten wird es, wenn ihr heute nach Hause geht.
Oder hier seid, je nachdem, wie es hier läuft.
Wenn zum Beispiel der Ton nicht läuft oder so.
Aber meistens ist es wirklich das allernächste Umfeld, in dem so etwas aus einer Emotion
heraus passiert.
Dass es jetzt jemand Drittes ist, der dich unvermittelt angreift, das ist in München
zum Glück wahnsinnig selten.
Und da sind auch alle Seiten von der Polizei über die Stadt, über den Freistaat sehr,
sehr engagiert, dass das auch weiterhin so ist.
Also es ist ja wirklich so, dass es eine sichere Stadt ist insgesamt, oder?
Auch statistisch betrachtet.
Ja, also ich fühle mich auch in keiner anderen Stadt auf der Welt so sicher.
Wenn ich nachts durch den Englischen Garten radel, habe ich eigentlich überhaupt keine
Sorgen.
Und das ist, ehrlich gesagt, für mich totaler Luxus.
Das will was heißen.
Ja, das stimmt.
Gibt es einen Fall aus der Zeit, der dir irgendwie noch im Kopf geblieben ist?
Ja, mehrere tatsächlich.
Es gab mehrere Fälle, die mit Kindern zusammengehangen sind und wo Kinder die Opfer waren.
Und das sind dann auch Bilder, die man nicht vergisst.
Der Fall, der mich aber am meisten nach wie vor auch beschäftigt, ist ein Kollege von
mir, wurde am Amtsgericht in Dachau während seines Plädoyers in seiner Funktion als Staatsanwalt
vom Angeklagten erschossen.
Erschossen?
Erschossen.
Im Gerichtssaal?
Im Gerichtssaal.
Und die Reaktion in komplett Deutschland war damals identisch.
Du musst dir das so vorstellen, wenn man Kapitaldienst hat bei der Staatsanwaltschaft, dann hat man
ein Handy.
Das hat man 24/7 und zwar sieben Tage lang.
Also dein Schichtdienst fängt quasi an, ich sage jetzt mal an einem Samstag und endet
an einem Samstag.
Und alles, was in der Woche passiert, ist dann dein Fall.
In der Regel passiert irgendwas am Wochenende, weil es meistens der Nahbereich ist und meistens
irgendwie in der Nacht.
Dass das Handy untertags an einem Wochentag klingelt, ist total ungewöhnlich.
Es klingelt übrigens mit der Tatort-Melodie.
Echt?
Ja, so viel schwarzer Humor ist dann schon…
Also bei dir war es so?
Nein, das Handy der Staatsanwaltschaft München 2 hat so geklingelt.
Also bei allen meinen Kollegen auch, die da waren.
Aber ob das jetzt jede Staatsanwaltschaft so hat, keine Ahnung.
Das ist der schwarze Humor, der dann manchmal ein bisschen dazu gehört wahrscheinlich.
Ich hatte einen Anruf, bei dem ich erst gedacht habe, das kann überhaupt nicht sein, weil
mir dann gesagt wurde, dass gerade ein Kollege von mir eben im Gerichtssaal, in dem ich ja
selber auch x-mal stand und x-mal plädiert habe, erschossen worden ist.
Und auch auf den Richter, den ich wahnsinnig gern mag, der es zum Glück auch überlebt
hat, der nicht getroffen wurde und auf den Protokollführer geschossen wurde.
Und in dem Moment ist irgendwie so eine kleine Welt zusammengebrochen.
Das hältst du nicht für denkbar, dass du in der Ausführung deines Jobs erschossen
wirst.
Noch dazu ein Studienkollege von mir, Tilman Turck.
Mit wahnsinniger Energie haben wir damals dann versucht, da alles wirklich gut vorzubereiten.
Der Täter war natürlich total klar.
Das war der Angeklagte.
Jeder wusste es, jeder hat ihn gesehen.
Und ich bin damals mit der Justizministerin und dem Generalstaatsanwalt im Auto dorthin
gerast.
Seitdem weiß ich auch, dass es hinten im Polizeiauto keinen Gurt zum Anschnallen gibt.
Also wenn du in der Mitte sitzt, da gibt es irgendwie nichts, weil wahrscheinlich fahren
die immer sonst nur zu viert und ich saß da hinten drin zwischen Justizministerin und
Generalstaatsanwalt und musste dann eine der ersten Pressekonferenzen meines Lebens geben
in einer Situation, die dich selber auch echt fordert.
Und die Frage, die mir jeder gestellt hat, im Prinzip eigentlich dieselbe wie du, wie
konnte das eigentlich sein, dass der Täter da mit einer Pistole in den Gerichtssaal
gekommen ist?
Und die Antwort war total einfach.
Der ist durch die Tür gegangen, weil es gab null Kontrollen damals.
Null, gar keine.
Und das ist für mich nach wie vor, ich habe auch jetzt Gänsehaut, weil es was ist, was
nie hätte passieren dürfen, was zum Glück auch am Ende Konsequenzen gehabt hat, natürlich
für den Täter, aber auch für das Justizsystem hier in Deutschland, in Bayern.
Und es nimmt mich nach wie vor mit und es hat mich erstaunlicherweise gestern auch ereilt,
weil ich mich an eine Aussage der Ehefrau vor Gericht erinnern muss, jedes Mal an Weihnachten,
Gretchen, die damals gesagt hat, dass am Tag vor dem Mord, der Tilman ganz penibel, ich
glaube es war der 6.
Januar, die Lichterkette aufgerollt hat zu Hause und gesagt hat, damit schon mal alles
vorbereitet ist, nächstes Weihnachten, damit wir es einfacher haben, Gretchen war Amerikanerin
und sie hat dann vor Gericht gesagt, "Who could have known that there wouldn't be any
more Christmas?"
Und das ist immer noch was für mich, was mir wahnsinnig nahe geht und wo ich echt sagen
muss, das werde ich natürlich nie in meinem Leben vergessen.
Ja, Wahnsinn.
Okay.
Und war das auch etwas, was für dich beeinflusst hat, aus dem Job zu wechseln oder war das
davon völlig losgelöst?
Das war davon tatsächlich völlig losgelöst.
Es war aber, glaube ich, schon mein Schritt Richtung Politik.
Das kann man, glaube ich, schon sagen.
Ich hatte aber jetzt nicht das Gefühl, dass ich nicht mehr plädieren will in einem Gerichtssaal
oder ich hatte nicht Angst.
Wir haben aber tatsächlich im Nachgang auch angeboten bekommen, jeder eine Dienstwaffe
führen zu können und entsprechendes Schusstraining bekommen.
Als Staatsanwältin.
Ich habe es dann abgelehnt.
Mein Mann wollte auch keine Waffe zu Hause haben.
Das war ihm auch ganz, ganz wichtig.
Aber klar, du hinterfragst natürlich dann schon verschiedene Dinge, aber es war nicht
der Grund, dass ich gesagt habe, da fühle ich mich nicht gut, das will ich nicht machen.
Dennoch kam dann irgendwann der Wechsel in die Politik, kommen wir auch gleich drauf.
Schauen wir vielleicht noch mal kurz, gibt es so Kompetenzen aus deiner Zeit in der Justiz,
von denen du sagst, die haben mir dann auch später in der Politik geholfen?
Ja, auf jeden Fall.
Beide Seiten der Medaille anzuhören.
Erst beide Seiten der Medaille ergeben tatsächlich das volle Bild.
Also wenn du die Klage liest und du kriegst die auf den Tisch oder auch die Anklage eines
Staatsanwalts anschaust, ist der Fall klar für dich.
Völlig logisch.
Das Recht ist nur auf der Seite des einen und dann kriegst du den Schriftsatz des anderen
dazu.
Und dann fängst du schon an nachzudenken und überlegst, ah, vielleicht hat der eine
ein bisschen recht und der andere hat auch ein bisschen recht und vielleicht begründet
sich ja auch vieles auf Missverständnissen.
Und gleichzeitig dann die Möglichkeit zu haben, beides übereinzubringen und einen
guten Kompromiss zu finden, mit dem beide Seiten mehr oder weniger gut leben können.
Das, glaube ich, führt zu einer wesentlich größeren Befriedigung im Rechtsstaat als
ein Urteil zu sprechen oder auch in der Politik einfach nur einer Seite letztlich Handlungsoptionen
zu geben.
Was hat denn den Wechsel in die Politik ausgelöst bei dir oder den Wunsch nach einem Wechsel?
Ich bin schon sehr, sehr lange in der CSU und in der Jungen Union.
Ich bin da rund um meinen 18.
Geburtstag eingetreten, war dann aber mehr oder minder aktiv.
Da gibt es Ortsverbände, da kann man sich engagieren, dann kann man bei Debatten dabei
sein und Co., Veranstaltungen...
Und da habe ich ganz lange Zeit das gemacht.
Und dann, nachdem mein Studium und mein Referendariat fertig war, habe ich in der Großkanzlei gearbeitet
mit den entsprechenden Arbeitszeiten.
Und da war, ehrlich gesagt, nicht wahnsinnig viel Zeit für irgendwas außenrum.
Und als ich dann zur Justiz gewechselt bin, hatte ich ein bisschen mehr Zeit, mich auch
wieder einzubringen.
Und dann kam der Mord an Tilman Turck.
Und für mich war damals klar, dass ich alles das, was ich an politischer Erfahrung habe
und an Kontakten habe, einfach nutzen wollte, um die Situation zu ändern.
Um mehr Kontrolle an Gerichtssälen zu bewirken.
Und es gab damals eine relativ große Debatte, ob man das denn will.
Ob Gerichtssäle Trutzburgen sein sollen, wo man nur noch reinkommt, wenn man komplett
durchleuchtet worden ist, was ja keiner wollte.
Aber wenigstens so eine Grundsicherheit.
Und mittlerweile gibt es das an Gerichten.
Da gibt es genauso den Taschenscanner, wie es den am Flughafen gibt.
Und du würdest jetzt nicht mehr mit einer Pistole einfach so in den Gerichtssaal sausen.
Wenn du was Schlimmes vorhast, kannst du es meistens trotzdem irgendwie schaffen.
Aber wir müssen als Rechtsstaat alles dazu tun, dass es möglichst schwer ist.
Und möglichst nicht funktioniert.
Und ich war früher die persönliche Referentin des ehemaligen Justizministers und habe einfach
dann versucht, über alles, was mir möglich war, da Drähte zu ziehen, um das zu bewirken.
Und die anfängliche Haltung damals auch der Bayerischen Staatsregierung, dass wir da weiterhin
so mit leben, wie es war, konnte man so eigentlich auch dann aufknacken.
Und so ging es dann eigentlich los.
Dann kam irgendwie ein Schritt zum nächsten.
Ja, genau.
Da kommen wir gleich noch drauf.
Aber das heißt, das Auslösen war eigentlich schon, ich möchte die Rahmenbedingungen verändern
nach diesem Vorfall und dadurch der Wechsel.
Ja.
Okay.
Ja, vielleicht können wir ja mal deine politische Laufbahn ein bisschen sortieren.
Weil du hast jetzt schon diverse Ämter angesprochen.
Nimm uns doch mal mit, wie hat es begonnen und wo ging es dann noch hin in der Politik?
Ja, im 2014 bin ich in den Münchner Stadtrat gewählt worden und in den Bezirksausschuss
in Neuhausen-Nymphenburg.
München hat ja 25 Bezirksausschüsse.
Das sind letztlich so die Stadtteilparlamente, kann man sagen.
Es ist super schön, weil du als Bürger, als Bürgerin auch einfach die Möglichkeit
hast, da hinzugehen, dein Anliegen vorzutragen und eigentlich gar nicht groß irgendwas können
musst oder Schriftsätze machen musst, sondern einfach wirklich face-to-face dein Anliegen
unterbringen kannst, was eigentlich ganz schön ist.
Und du kannst jeweils da, wo du wohnst oder arbeitest, Mitglied in einem Bezirksausschuss
werden.
2014 bin ich da in beide Ämter gewählt worden als Newbie.
Ich bin auf Platz 16 damals gestartet der CSU-Liste und hatte das große Glück dann
auch reinzukommen.
In den Stadtrat.
In den Stadtrat und hatte dort relativ viele Positionen, wie es so ist, wenn man neu ist
und noch nicht weiß, wogegen man sich wehren muss.
Ach so, da haben sie dir die unangenehmen Dinge umgehängt.
Ja, auch.
Wobei ich eine ganz gute Mischung hatte, muss ich gestehen.
Aber ich hatte allein fünf Ausschüsse, die ich betreuen durfte.
Davon mehrere in der leitenden Funktion.
Also ich war die sportpolitische Sprecherin der CSU, die kommunalpolitische Sprecherin,
was dann letztlich auch zu Kommunalreferentin geführt hat.
Ich war im VPA, das ist der Verwaltungs- und Personalausschuss der Stadt, also was eher
trockeneres, was internes.
Der IT-Ausschuss, in dem ich noch mit dabei war und im Rechnungsprüfungsausschuss.
Und das letzte war das, gegen das du dich gern gewehrt hättest.
Vor allem der IT-Ausschuss, weil ich davon nicht so viel verstehe.
Der Computer muss halt angehen und funktionieren.
Das wäre super.
Okay, ja, das ist gut.
Aber ist das denn, da könnte ich ja jetzt provokant fragen, wäre das nicht gut, dass
jemand, der da dem Ausschuss vorsitzt, da auch ein bisschen Know-how hat?
Doch, also absolut.
Und es gibt ja auch immer den Referenten, der einen Ausschuss letztlich begleitet und
da Input reingibt, der aber nicht Teil des ehrenamtlichen Stadtrats ist, sondern berufsmäßiger
Stadtrat.
Und dann gibt es die Sprecher der verschiedenen Fraktionen.
Und da sollte man natürlich, wenn es geht, schon jemanden haben, der Profi ist.
Wir sind jetzt in der Fraktion der CSU unterschiedlich viele, immer über 20.
Und da kannst du schon das Glück haben, dass du jemanden hast, der sich mit IT auskennt.
Es kann aber auch so sein, dass es nicht so ist.
Dass alle nur wollen, dass der Computer angeht.
Und dann?
Und dann muss man einfach schauen, wer am besten in der Lage ist, sich in die Themen
dann trotzdem einzugrooven und sich vielleicht auch beraten zu lassen und zu gucken, dass
man trotzdem gute Weichenstellungen für die Stadt trifft.
Okay, das heißt, es war 2014, hast ja schon gesagt, anfangs noch ein Ehrenamt sozusagen
der Stadtrat, weil du noch hauptamtliche Richterin warst.
Aber es hat sich dann geändert, oder?
Genau, 2018 bin ich zur Kommunalreferentin gewählt worden, also berufsmäßige Stadträtin.
Damit musste ich mein Richteramt auch niederlegen, weil ich damit Teil der Exekutive war, davor
ja Judikative.
Und musste auch mein Amt im Stadtrat niederlegen.
Auch das lässt sich nicht vereinbaren, weil damit bist du ja die Legislative.
Das heißt, du musst dich dann fokussieren nur noch auf ein Amt als Referentin.
Ich bin dann ausgeschieden aus dem Staatsdienst mit Rückkehrrecht, was mich auch immer sehr
frei gemacht hat, muss ich sagen.
Das war wahrscheinlich einer der großen Vorteile, die ich hatte.
Immer zu wissen, dass auch wenn die Politik vielleicht zu irgendeinem Zeitpunkt für mich
nichts mehr ist, weil ich selber was dafür kann, weil irgendwas Blödes passiert, was
auch immer, dass ich immer zurück kann in meinen Job, den ich immer haben wollte.
Und das hat mich in Entscheidungen wahnsinnig frei gemacht.
Auch mal was vorzuschlagen, was vielleicht mutiger ist.
Ja, das kann ich mir vorstellen.
Wie können wir uns denn den, fangen wir mal kurz noch mit der Stadträtin an.
Was macht eine Stadträtin den ganzen Tag?
Und sei es jetzt im Ehrenamt.
Also in München gibt es 80 Stadträtinnen und Stadträte, die das theoretisch im Ehrenamt
machen.
Es ist in München kein Ehrenamt und ich finde, das gehört auch, ehrlich gesagt, dringend
geändert.
Eigentlich verbringst du, wenn du wenig machst, 20 Stunden in der Woche damit.
Wenn du normal viel machst, wahrscheinlich um die 30.
Und wenn du ordentlich unterwegs bist, wahrscheinlich 40, 50 Stunden.
Weil auch viele Abendtermine dazugehören, viele Wochenendtermine dazugehören.
Viel parteiinterne Arbeit natürlich zu leisten ist.
Und du machst deinen normalen Job und drumherum baust du die Stadtratsarbeit.
Wie sieht die aus?
Du musst wahnsinnig viel Beschlussvorlagen lesen, damit du weißt, über was du in den
Ausschusssitzungen und in der Vollversammlung entscheidest.
Weil in der Vollversammlung wird nur ein Tagesordnungspunkt aufgerufen.
Da steht dann Neubau einer Kindertagesstätte, so und so Straße.
Und den kannst du dann aufrufen, den Punkt.
Aber in dem Moment gibt es kein Intro mehr.
Also wenn du vorher deine Beschlussvorlage nicht gelesen hast, weißt du überhaupt nicht,
ob der Punkt jetzt gut oder schlecht ist oder was da überhaupt beschlossen werden soll.
Das heißt, du musst wahnsinnig viel lesen, dann musst du natürlich Debatten führen,
du musst Präsenz zeigen.
Du stehst meistens für Themen und auch für Viertel.
Also bei mir damals Neuhausen-Nymphenburg, die Ecke, wo ich damals gewohnt habe, wo man
dann die örtlichen Themen allesamt eigentlich mit bedient.
Und dann halt gleichzeitig solche Themen wie bei mir jetzt sehr, sehr stark der Sportbereich.
Okay, das war Stadträtin und dann hast du gesagt, du wurdest zur Kommunalreferentin
gewählt.
Wer wählt einen dann da?
Also in den Stadtrat wählen dich die Münchnerinnen und Münchner.
Als Referent wirst du vom Stadtrat, also von den 80 Leuten gewählt, die in den Stadtrat
berufen worden sind.
Also du bist quasi indirekt demokratisch legitimiert.
Okay.
Und in der Zeit, 2018 war das, war die CSU aber auch in der Stadt mit in der Koalition
in der Regierung?
Genau, richtig.
Okay.
So wurde es, die werden ja in der Regel ihre eigenen Leute wählen, die da jetzt gerade
das Sagen haben.
Okay.
Es ist eigentlich schade.
Es gibt viele Städte, die machen das anders.
In der Bayerischen Gemeindeordnung ist auch niedergelegt, dass der Stadtrat eigentlich
ein Organ sein soll, das gemeinschaftlich zusammenhält und parteiübergreifend agiert,
anders als Bund oder Land.
Also es gibt viele Städte, die sagen, klar, wir haben jetzt eine schwarz-grüne Koalition
oder eine rot-grüne oder was auch immer.
Und die wählen trotzdem Referenten aus anderen Parteien, um einfach für die Stadt eine gute
Zusammenarbeit zu ermöglichen.
Das ist auch ehrlich gesagt gar nicht so schlecht, ist auch ziemlich bewährt.
München ist anders, wie häufig.
München ist ja häufig anders.
Die schönste Stadt der Welt wahrscheinlich.
Genau deswegen, ich weiß es nicht, weil sie manchmal so anders ist.
Und da ist es normalerweise sehr strikt.
Jedenfalls seit den 90er Jahren.
Okay, da wählt man die eigenen Leute.
Ja.
Okay.
So und was macht jetzt eine Kommunalreferentin den ganzen Tag?
Das ist tatsächlich was, was wahnsinnig spannend ist, weil da versteht man ja gar nichts
drunter.
Also Kommunalreferentin kann…
Also bei uns haben auch Leute angerufen und einen Pass bestellt, weil sie dachten, wir
sind das Kreisverwaltungsreferat.
Und dann haben Leute angerufen und gesagt, ihr heißt doch Kommunalreferat.
Also ihr müsst doch für alles zuständig sein, weil alles ist ja kommunal.
Aber was haben wir wirklich gemacht?
Also es ist ein totaler Blumenstrauß an verschiedenen Themen.
Wir haben die städtischen Immobilien betreut, von Verwaltungsgebäuden über Wohnungen bis
hin natürlich zu den Dingen, die noch entwickelt werden wollen und gar nicht in München sind.
Also rund um München, 50 Kilometer Radius, haben wir Grundstücke.
Wir haben die Abfallwirtschaft, Kommunalreferat, Landwirtschaft.
Die Stadt betreibt tatsächlich selbst Landwirtschaft.
Die Stadt selbst?
Ja, die Stadt selbst betreibt Landwirtschaft.
Die Ochsenbraterei auf der Wiesn ist ja wahrscheinlich vielen ein Begriff.
Klassischer landwirtschaftlicher Betrieb?
Nee, aber die Ochsen, die da hängen, kommen von den städtischen Gütern.
Also von dem her, ich kann sagen, denen geht es echt gut und da kann man wirklich genießen.
Wir betreiben Forstwirtschaft, 5.500 Hektar Wald, den wir betreiben als Landeshauptstadt.
Zweitgrößter kommunaler Waldbesitzer in Bayern, also auch das ist eine Hausnummer.
Wir haben den Geodatenservice, versteht auch wieder kein Mensch was darunter.
War früher das Vermessungsamt, beschäftigt sich jetzt sehr, sehr stark mit Digitalisierung
und einem digitalen Zwilling der Stadt.
Wir haben das Bewertungsamt, das sich die Immobilienpreise genauer anschaut.
Und so sieht man schon, bis hin zu den Märkten München, also Viktualienmarkt, die Wochenmärkte,
die Bauernmärkte, die auch im Kommunalreferat sind.
Es ist eigentlich so ein Referat der Daseinsvorsorge.
Wahnsinnig spannende Themen, aber eine riesige Themenvielfalt.
Ist denn ein Referat auf kommunaler Ebene vergleichbar jetzt mit einem Ministerium im
Bund?
Ja, total.
Also es funktioniert eigentlich nach dem selben Prinzip.
Du warst so eine Art Stadtministerin, dann kann man sagen.
Könnte man vermutlich sagen, weil es das einfach ganz gut runterbricht und veranschaulicht.
Und bei der Themenbreite kann man natürlich sowieso unmöglich sich in allem gut auskennen.
Heißt das dann für jemanden themenfremden wie dich auch wirklich, ich sag jetzt mal
Aktenfressen auf gut Deutsch oder wie kommt man rein in das Thema?
Ja, also Aktenfressen fällt einem Juristen ja relativ leicht.
Aber deswegen habe ich halt trotzdem von Abfallwirtschaft erstmal per se keine Ahnung gehabt, außer
dass ich total froh war, wenn alle Müllwerker und Müllwerkerinnen bei mir die Tonnen abgeholt
haben und dann natürlich fleißig Danke sage.
Wie funktioniert das?
Zum einen brauchst du natürlich Leute an deiner Seite, die sich in diesen Themen gut
auskennen und die dir gute Messages mit auf den Weg geben können und die du natürlich
auch ernst nehmen solltest.
Zum Zweiten habe ich immer versucht, Dinge selber zu machen.
Als Staatsanwältin habe ich schon selber immer versucht, an den Tatort wirklich hinzufahren,
die Leute auch selber zu vernehmen, weil du einen anderen Eindruck hast.
Und das selber habe ich letztlich dann in meinem Job gemacht.
Ich habe da die sogenannten Werktage initiiert, weil meine Werke, also sprich die städtischen
Güter, die Forstwirtschaft, die Abfallwirtschaft, das waren alles Werke.
Ich war die Werkleiterin und habe dort dann immer pro Monat einen Tag verbracht und habe
mich dann einfach mitnehmen lassen.
Sei es bei der Müllabfuhr um fünf Uhr in der Früh, wo wir dann halt einfach ganz normal
die Tonnen geleert haben und ich habe dann ganz normal mitgeleert.
Oder sei es bei den städtischen Gütern, wo du dann halt erklärt gekriegt hast, was
gerade ausgesät wird, was die Ansprüche sind von dem Saatgut, was jetzt problematisch
werden könnte etc.
Und wenn du es halt mitmachst, wenn du Dinge selber in die Hand nimmst, wenn du sie siehst,
wenn du sie riechst, wenn du auch einfach mit dem, der neben dir ist, dann sprichst
und nicht über irgendwelche Schriften dich austauschst, wo immer was verloren geht.
Das hat mir wahnsinnig gut getan.
Und das macht es für mich leichter, dann auch dem Stadtrat wieder zu sagen, warum es
wichtig ist.
Weil letztlich bin ich ja so ein bisschen der Mittler in der Funktion als Referentin
zwischen der Verwaltung und der Politik.
Okay, ja verstehe ich.
Was würdest du denn sagen, muss man mitbringen für einen Job in der Politik?
Eine wahnsinnig hohe Stressresistenz.
Zum einen will ständig irgendwer irgendwas von dir.
Zum zweiten musst du auch falsche Berichterstattung aushalten können, die jetzt in Zeiten von
sozialen Medien ja auch durchaus mal deftig sein können.
Zum dritten brauchst du glaube ich den Mut, Entscheidungen dann auch zu treffen,
auch wenn sie vielleicht nicht jedem passen an der Stelle.
Wenn du nicht entscheidest, und das ist vielleicht auch was, was ich als Richter mitgebracht
habe, weil ich es mir ja jetzt gerade so recht überlege, dadurch, dass ich Urteile sprechen
musste, war ich eigentlich sehr affin dafür, Entscheidungen auch zu treffen.
Wohl begründete Entscheidungen, aber bevor man die Sache dann zehnmal durchkaut, habe
ich lieber nach dem zweiten Mal gesagt, so, jetzt machen wir es.
Und diesen Mut, Entscheidungen zu treffen, die nachher auch falsch sein können und für
die du nachher vielleicht in der Öffentlichkeit geschlachtet wirst, das setzt schon wirklich
eine ganz hohe Stresstoleranz voraus.
Ja, okay.
Ist das deiner Erfahrung nach auch nochmal was anderes als Frau in der Politik als als
Mann?
Ja, absolut.
Liegt jetzt vielleicht auch mit an meiner Partei.
Die CSU ist ja durchaus männerlastiger als frauenlastiger.
Deswegen mag das auch für andere Parteien was ganz anderes sein.
Aber wenn ich mir gerade die Diskussionen über Annalena Baerbock und ihr Eheaus anschaue
und dazu lese, was geschrieben wird, und von wegen, das muss ja so kommen, wenn sie so
ihre Kinder und ihren Mann vernachlässigt und ständig irgendwo anders auf der Welt
unterwegs ist, das finde ich schon ziemlich daneben.
Das ist jetzt was, was man einem Mann so nicht hinterher schreiben würde.
Also ich habe jedenfalls noch nie gehört, dass Gerhard Schröder gefragt wurde, ob irgendwie
seine, ich weiß nicht wie viele, vier, Ehen alle deswegen geplatzt sind, weil er so häufig
unterwegs war und seine Frau und seine Kinder vernachlässigt hat.
Ja, hat es.
Es gibt dann auch Situationen, die durchaus auch an die Nieren gehen.
Es gibt dann auch den einen oder anderen Stalker, den du an der Backe hast.
Oder es gibt die Situation, dass ich in den sozialen Medien mich nicht mehr gerne mit
Jeans zeige, weil es da jemanden gibt, der jedes Mal, wenn ich auf einem Foto Jeans trage,
meint er muss mit seinen Kommentaren und seinen persönlichen Botschaften total übertreiben.
Und das ist dann schon was, was dich in deiner eigenen Lebensführung einschränkt.
Oder es gibt Leute, die wollen meine Schuhe kaufen.
Deine Schuhe?
Oder die fragen einfach, was sind das für Schuhe?
Nein, meine Schuhe.
Wo du denkst, keine Ahnung, das sind Ballerinas, die ich irgendwie für 30 Euro mal im Schlussverkauf
gekauft habe und die können nichts mehr.
Aber darum geht es ja.
Und das belastet einen.
Ich weiß jetzt nicht, wie sehr das Männer haben oder nicht.
Und das zweite Thema ist, Haushalt, Kind, Job unter einen Hut zu bringen in einem nicht
traditionellen Rollenbild, das ist schon nach wie vor sehr schwer.
Das muss man schon auch klar sagen.
Also wenn du nicht jemanden zweiten an deiner Seite hast, der dir den Rücken frei hält,
egal ob männlich oder weiblich, völlig wurscht.
Aber wenn du nicht eine traditionelle Rollenaufteilung hast, wobei ich jetzt nicht sage, dass die
Frau traditionell zu Hause sein muss, aber wenn du nicht jemanden hast, der zu Hause
ist, während du Vollzeitpolitik machst und dir den Rücken frei hält, ist es wahnsinnig
schwer.
Dadurch, dass du in der Früh gehst, deinen Job machst und abends sehr spät nach Hause
kommst von x-Abendterminen und auch sehr wenig Zeit zwischendrin hast, wenn du eigentlich
privat bist, weil du sehr häufig erkannt wirst.
Was ja Fluch und Segen zugleich ist, weil anders kannst du auch nicht gewählt werden.
Ja klar, klar.
Okay, das heißt, da habt ihr für euch zu Hause einen Weg gefunden, wo dieses Rückenfreihalten
gegeben war.
Also mein Mann ist auch voll im Job und das ist in der Tat auch eine Situation, die immer
wieder an Grenzen geht und wo man solche Dinge auch hinterfragen muss und die dann auch dazu
führen, dass man sehr, sehr viele Streitigkeiten auch teilweise hat.
Es ist jetzt nicht so, dass dein Mann gesagt hat, gut, wunderbar, dann mach ich nichts
mehr, mach du dein Ding.
Nee, das hat ja der Mann von Annalena Baerbock jedenfalls von dem, was ich in der Zeitung
lese, getan und das hat er offensichtlich nicht genutzt.
Vielleicht war es auch genau das oder was auch immer es war, aber anders ist es wirklich
in der tragenden Position in der Politik schwierig.
Ja, okay.
Jetzt warst du ja zudem auch noch, zumindest würde ich das so sehen, relativ jung in der
Politik.
Hast du das Gefühl gehabt, dass du dich da erst oder vielleicht mehr beweisen musstest
noch am Anfang?
Nein.
Ich habe das Gefühl, man hat mir wahnsinnig viele Chancen gegeben.
Für die ich mich dann beweisen musste.
Aber ich kann nicht sagen, dass es hieß, du Jungspund, was willst du jetzt hier?
Oder du Frau, was soll denn das?
Sondern ganz im Gegenteil.
Man hat gesagt, wir wollen die Verantwortung auf alle Schultern verteilen, wir wollen allen
eine faire Chance geben und ich hatte die Möglichkeit, sie zu nutzen.
Also kann ich mich eigentlich gar nicht beschweren.
Okay.
Ich habe es zu Beginn auch schon gesagt, du bist dann 2020 auch als Oberbürgermeisterkandidatin
angetreten gegen Dieter Reiter, der ja auch schon Amtsinhaber gewesen ist, sich wieder
wählen lassen wollte und dann letztlich auch hat, bis in die Stichwahl gekommen.
Wie kam es denn überhaupt, dass du Kandidatin wurdest?
Die Partei hat mich gefragt letztlich.
Achso, ja?
Es kam gar nicht von dir?
Nein, es kam nicht von mir.
Die Partei hat mich gefragt und ich habe auch ehrlich gesagt relativ lange mit mir gehadert,
was am Ende nicht gut war, weil wir am Ende dann nur noch wenig Zeit hatten für einen
Wahlkampf.
Es kam dann irgendwann die Landtagswahl 2018 und bei der Landtagswahl hat die CSU noch
weniger Frauen im Landtag vertreten gehabt als schon davor und dann habe ich mir gedacht,
so irgendwann jetzt musst du hier mal den Hintern in der Hose haben und dann musst du
halt auch mal springen.
Es hilft halt alles dann auch nichts, wenn man immer mehr Frauen in der Verantwortung
haben will und jede Frau sagt dann aber jetzt gerade, ich weiß nicht, ob es jetzt gerade
passt, dann ist es schwer.
Dann habe ich mich entschieden, das auch zu machen.
Hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, hat wahnsinnig viel Kraft gekostet, aber ich habe so viele
neue Seiten an München entdeckt.
Unglaublich, das denkt man dann überhaupt nicht.
Also man schafft es ja irgendwie selten über die andere Isar-Seite.
Ja, wenn man nicht muss.
Also wenn man auf der einen wohnt und vielleicht da auch noch arbeitet, meistens schafft man
es dann nicht rüber.
Und so war das wahnsinnig horizonterweiternd.
Das heißt, das hat vor allem dazu geführt, dass du mal die andere Isar-Seite kennengelernt
hast.
Nein, natürlich nicht.
Also auch.
Ja, klar.
Und das heißt, es war dann 2018, dass du dich entschieden hast, es zu machen?
Ende 2018, genau.
Okay, da warst du dann gerade erst frisch Kommunalreferentin.
Ja, genau, da war ich relativ frisch erst gewählt, war davor aber schon stellvertretende
Fraktionsvorsitzende gewesen.
Aber dann musstest du das ja auch wieder parallel machen.
Also dein Job da eigentlich noch fast neu und dann aber auch schon wieder den Wahlkampf.
Ja, zweijähriges Kind.
Echt?
Das war schon viel.
Wahnsinn.
Und jetzt noch mal zu der OB-Thematik.
Also jetzt ist doch München nach meinem Wissen wirklich seit langer Zeit in SPD-Hand, oder?
Da gab es ja schon den Christian Ude vorher und dann auch vorher schon SPD.
Es gab ein einziges Mal ein CSU-Oberbürgermeister.
Was hat dich daran glauben lassen, dass du das durchbrechen kannst?
Also zum einen musst du natürlich immer mit dem Willen reingehen, zu kämpfen bis zur
letzten Sekunde.
Dass es schwer werden wird, den Amtsinhaber zu schlagen, der jetzt auch nicht total schlecht
performt hat, um Gottes Willen.
Das war völlig klar.
Es war völlig klar, dass die Wahl 2020 eine ist, in der man es durchaus schaffen kann,
Dieter Reiter gefährlich zu werden, aber in der es sehr unwahrscheinlich ist, dass
man ihm vom Schild stößt, außer es passiert ein Fehler.
Und nichtsdestotrotz habe ich für mich selber einfach den Ehrgeiz gehabt, mal rauszukitzeln
und zu testen, wie weit es denn am Ende geht.
Es gab tatsächlich auch zuvor noch nie einen SPD-Oberbürgermeister, der in eine Stichwahl
musste.
Es war tatsächlich das erste Mal, dass das überhaupt passiert ist.
Ich glaube, er fand es auch nicht ganz so toll, nochmal zwei Wochen weiter zu müssen.
Aber nichtsdestotrotz haben wir immer sehr, sehr gut zusammengearbeitet, auch danach.
Und zwar allen immer wichtig, auch Katrin Habenschaden, die ja für die Grünen angetreten
ist, dass wir oberhalb der Gürtellinie agieren.
Punkt.
Dass wir uns in einer sachlichen, harten Debatte austauschen, aber dass wir nicht ins Persönliche
abdriften.
Das fand ich eigentlich sehr angenehm und für mich hat es auch viele Lerneffekte mit
sich gebracht.
Ja, ich finde die Frage deshalb interessant, inwiefern man daran glaubt, weil ich mich
oft frage bei Politikern, auch jetzt gerade wieder bei einem Olaf Scholz, der jetzt in
den Umfragen irgendwo bei 15 Prozent steht und sich hinstellt, ich werde wieder Kanzler
werden.
Ja, glaubt er das?
Also jetzt frage ich dann dich.
Glaubt man wirklich daran oder muss man es einfach sagen, weil sonst einen ja keiner
wählt?
Hast du daran wirklich geglaubt?
Ich glaube, man muss zwischen, es gibt vielleicht eine klitzekleine Chance und wenn es die gibt,
will ich die nutzen, unterscheiden zu, bist du felsenfest davon überzeugt, dass es so
kommt.
Aber es ist ja auch eine Chance, weil du ja auch nie weißt, wie sich was entwickelt.
Wie performen die anderen Kandidaten?
Da brauchen wir ja nur zurückschauen, warum ist Scholz Kanzler geworden?
Der ist nicht Kanzler geworden, weil er selber so hervorragend performt hat und der Liebhabe-Kanzler-Kandidat
schlechthin war.
Oder weil Laschet auf dem Flutgebiet gelacht hat.
Oder weil Baerbock gleichzeitig auch nicht performt hat und einen Lebenslauf hatte, der
irgendwie nicht bis zum Ende getragen hat.
Das heißt, man muss der Überzeugung sein, volle Kanne bis zum Schluss durchzuziehen
und in dem Moment, wo du die Möglichkeit hast, dieses Fünkchen-Chance zu nutzen, es
zu nutzen.
Und gleichzeitig hat sowas ja immer zwei Aspekte.
Der zweite Aspekt ist ja, die Fraktion möglichst groß zu machen und den Themen der Fraktion
Sichtbarkeit zu geben.
Du kämpfst ja nicht für dich, sondern du kämpfst ja in dem Fall für meine Partei,
die CSU.
Oder jetzt Scholz meint natürlich für die SPD, das beste Ergebnis zu erzielen.
Ob so ist oder nicht, wird man am Ende sehen.
Gibt es denn, dein Lebenslauf passt einfach nicht in die Dreiviertelstunde, wir müssen
schon noch schauen, dass wir zur jetzigen Station kommen.
Zwei, drei letzte Fragen zur Politik.
Gibt es was, wo du es rückblickend anders machen würdest in all den Jahren?
Ja, ich glaube, ich würde versuchen, mir noch ein paar mehr persönliche Freiheiten
zu nehmen.
Was wirklich auf der Strecke bleibt, sind meistens die Leute, die einem am nächsten
stehen.
Zu denen man dann manchmal zu kurz angebunden ist oder denen irgendwie nur was hinschmeißt
oder für die man sich nicht wirklich Zeit nimmt oder nur mit einem halben Ohr zuhört.
Und die aber trotzdem da sind, wenn es einem schlecht geht und wenn man es vielleicht gerade
nicht klar sieht und wo du dann trotzdem mitten in der Nacht anrufen kannst.
Ich glaube, da wäre mir wahnsinnig wichtig, rückblickend mir dafür auch mehr Zeit genommen
zu haben.
Ja, okay.
Also nicht alles dem unterzuordnen letztlich.
War dein Ziel eigentlich auch jemals in der Politik noch über die Stadt hinaus zu kommen,
so Land, Bund?
Ja, jetzt gerade für die Bundestagswahl hat man mich auch gefragt, ob ich hier in München
für einen Bundestag kandidieren möchte.
Ich habe es abgelehnt, einfach weil ich, mein Sohn ist jetzt acht.
Ich möchte nicht mehr als die Zeit, die Hälfte des Monats in Berlin unterwegs sein und ihn
noch weniger sehen, als ich es ohnehin schon tue.
So dass es für mich einfach gerade nicht in Frage gekommen ist.
Es soll nicht heißen, nie, das habe ich schon von James Bond gelernt, sag' niemals nie.
Aber jetzt gerade ist es nicht der richtige Zeitpunkt.
Und die Kommunalpolitik hat einen riesen Vorteil.
Du siehst echt vor der Haustür, was du anders gemacht hast.
Und du kannst es auch ändern.
Und in der Bundespolitik sind die Mühlen, glaube ich, schon noch deutlich größer.
Ja, das glaube ich.
Jetzt kommen wir mal zu deiner aktuellen Station und dann können wir es noch ein bisschen
gegenüber stellen.
Sag doch noch mal ganz kurz, wo du jetzt mittlerweile unterwegs bist, weil jetzt bist du nicht mehr
Kommunalreferentin.
Richtig.
Seit August diesen Jahres darf ich dabei unterstützen, die neue staatliche Wohnungsbau-Holding zu gründen.
Der Freistaat hat drei Wohnungsbaugesellschaften, die Bayernheim, die hier in München sitzt
und sich um bezahlbares Wohnen sehr, sehr intensiv kümmert, in ganz Bayern.
Dann die Stadibau, die für die Werkswohnungen letztlich da ist, für die staatsbediensteten
Wohnungen.
Und die Siedlungswerk Nürnberg, die vor allem im Großraum Nürnberg zu Hause ist.
Dort auch schon ganz, ganz lange Zeit und dort auch für günstigen, bezahlbaren Wohnraum
sorgt.
Die drei Wohnungsbaugesellschaften, die sollen jetzt unter dem Dach einer Holding zusammengeführt
werden, damit man, wenn es irgendwie geht, schneller bauen kann, kostengünstiger bauen
kann und damit die Wohnungsgesellschaften vor allem das machen können, was sie sollen,
nämlich bauen und betreiben und nicht diesen ganzen administrativen Kram, der ja damit
auch noch immer verbunden ist.
Und das soll quasi auf die Holding hochgegeben werden und die gründen wir jetzt gerade.
Okay.
Und ist das jetzt für dich persönlich ein Ausstieg aus der Politik oder ist das einfach
dein nächster logischer Schritt?
Also für jetzt gerade ist es natürlich ein Ausstieg aus der Politik, weil ich aus dem
Stadtrat ausgeschieden bin.
Aber ich bin schon ein „political animal", das muss man schon ganz klar sagen.
Also wenn ich morgens irgendwie die Zeitung aufschlage, geht mein Blick natürlich als
erstes dorthin.
Und nach wie vor ist das Netzwerk natürlich vorhanden von dem her.
Ich würde jetzt nicht sagen, dass es ein finaler Ausstieg ist.
Ich habe schon rausgehört.
Rückkehr nicht ausgeschlossen.
Mal gucken.
Aber letztlich ist das, was du jetzt machst, dann ja schon auch nicht mehr nur München,
sondern das ist jetzt Bayern.
Bayern weit, richtig.
Vielleicht dann nochmal kurz, um bei München anzuschließen.
Man sagt doch immer, München ist ein Dorf.
Ja.
Ist München ein Dorf?
Ja, das schönste der Welt.
Ja?
Ja.
Also ja, absolut.
Also über Eck kennst du so viele Leute.
Wahrscheinlich kennst du irgendwie halb München oder sowas.
Über Eck.
Du weißt, wie München tickt, wie München funktioniert.
Man trifft sich immer zweimal.
Also ja, München ist ein Dorf.
Es kostet nur leider so viel mehr als im Dorf hier.
Brutal.
Warum?
Ich habe erst gestern Abend mir die aktuellen Zahlen wieder angeschaut.
20 Euro im Schnitt.
Über, ja.
Über 20 Euro im Schnitt 2023.
Jetzt sind wir ja schon 2024.
Das ist ja quasi unbezahlbar.
Also manche Münchner sind da gefühlt irgendwie so ein bisschen stolz drauf, dass sie aus
der teuersten Stadt der Welt kommen.
Also ehrlich gesagt, das ist ein Desaster.
Gerade für Einkommensgruppen, die es jetzt nicht lockerstecken haben.
Und damit meine ich jetzt ehrlich gesagt nicht nur jemand, der am untersten Rande der Gesellschaft
ist, sondern selbst in der Funktion als Richter ist es schon spannend, wie du hier eine Familie
durchbringen sollst in München.
Und das ist in der Tat eine sehr, sehr schwierige Ausgangslage.
Ja.
Und jetzt ist doch bezahlbares Wohnen letztlich auch ein Thema in dieser neuen Funktion.
Ja.
Kannst du mir denn erklären, warum ist denn Wohnen in München so teuer?
Ja, das kann man vermutlich tatsächlich erklären.
Also im Vergleich zu Berlin oder auch Hamburg ist die Fläche von München deutlich beschränkter.
Massiv.
Ist das schon, ja?
Stadtgebiet deutlich kleiner?
Ja, deutlich kleiner.
Deutlich kleiner.
Noch dazu performt hier die Wirtschaft einfach sehr, sehr gut oder in der Regel besser als
in Berlin und in Hamburg.
Das heißt, hier kommen viele Menschen her, die gut verdienen, richtig gut verdienen.
Für die es im Zweifel auch keine große Rolle spielt, wie hoch Miete ist.
Was man auch sagen muss, es gibt wenig selbstbewohntes Eigentum in München.
Das heißt, du bist natürlich dann auch über Dritte wahnsinnig fremdgesteuert, weil wenn
du deine eigene Wohnung hast, deine eigenen vier Wände, dann hast du natürlich eine
ganz andere Ausgangssituation, auch wirtschaften zu können für dein Leben.
Aber dadurch, dass ja auch die Immobilienpreise in München so hoch sind, kommst du ja auch
gar nicht in die Versuchung, eine eigene Wohnung zu kaufen.
Ja, eher nicht.
Und noch dazu, was dazu kommt, dadurch, dass es viel zu wenig Wohnungen gibt, also die
Nachfrage wahnsinnig hoch ist und das Angebot knapp, verteuerst du das Ganze natürlich.
Und jetzt gerade mit der Situation am Wohnungsmarkt, was den Neubau angeht, hast du die Situation,
wenn nicht mehr gebaut wird, steigen die Mieten noch mehr.
Ja, okay.
Schauen wir gleich mal, was du sagst, was man dagegen tun kann.
Vielleicht noch kurz so zu dem Rahmen.
Deine Holding, ihr setzt euch letztlich ein für bezahlbaren Wohnraum oder in Bayern?
Kann man sagen, ist das das Ziel des Ganzen?
Ja.
Also das Ziel ist, schneller, effizienter, kostengünstiger zu bauen.
Okay.
Und wer hat die jetzt gegründet?
Hat der Herr Söder gesagt, sowas machen wir jetzt mal?
Oder woher kam der Impuls?
Ja, der Ministerpräsident hat in seiner Regierungserklärung gesagt, er möchte die Wohnungsbaugesellschaften
letztlich wirklich von alledem entlasten, was die nur belastet.
Gerade im Thema Bauen hast du wahnsinnig viele Regulatorien, die dein Korsett sehr, sehr
eng schnüren, viele Dinge, die man gar nicht wirklich begleiten möchte.
Und deswegen hat er gesagt, er sieht das als einen richtig guten Weg, um da noch mal Zug
zum Tor reinzubringen, um den Wohnungsbau noch mal aufs Hochgeschwindigkeitsgleis zu
setzen.
Ja, was kann man denn jetzt tun, damit es mehr bezahlbaren Wohnraum gibt?
Oder was werdet ihr künftig tun unter dem Dach dieser Holding?
Ja, ich glaube, der erste Schritt des Ministerpräsidenten ist jetzt schon mal richtig und wichtig gewesen.
Einfach mal, weil es letztlich die Intention zeigt, die dahinter steht.
Was ist denn die Intention?
Also man hat erkannt, Bauen ist zu kompliziert.
Bauen dauert zu lange und Bauen ist zu teuer.
Das heißt, du musst an jeder dieser Schrauben drehen.
Jetzt gibt es eigentlich drei Wohnungsbaugesellschaften, die alle so ein bisschen was Ähnliches tun.
Das heißt, jeder beschäftigt sich eigentlich mit dem Thema für sich.
Und das raubt ja wieder Energie, das raubt ja wieder Zeit.
Das zusammenzuführen bedeutet schon, es macht jetzt am Ende nur noch einer.
Und die anderen haben mehr Freiheiten und mehr Möglichkeiten.
Das Zweite, die einzige Lösung, die ich aus meiner Sicht sehe, ist Bauen, Bauen, Bauen.
Und zwar nicht nur wir von Seiten des Freistaats Bayern, sondern wir brauchen alle Akteure
da im Boot, weil ansonsten kommst du zu nichts.
Momentan liegt der Neubau wirklich brach.
Es wird fast an keiner Stelle mehr gebaut.
Wenn überhaupt, werden Projekte zu Ende gebaut.
Aber es fängt fast keiner mehr an zu bauen.
Und gerade in dieser Zeit muss natürlich der Freistaat da auch klar Vorreiter sein.
Also es wird wenig gebaut wegen der Zinsen, oder?
Deswegen ist es privat wahrscheinlich…
Unterschiedliche Gründe.
Wegen der Zinsen, die ein deutliches Niveau erreicht haben.
Wegen der hohen Baukosten, die ja noch dazukommen.
Wegen der hohen Grundstückspreise, gerade hier im Raum München, Metropolregion München.
Und gleichzeitig aber auch, weil wir wahnsinnig vieles an Richtlinien haben, die beachtet
werden müssen.
Anstatt, dass du da halt einfach nur vier Wände und ein Dach hinstellst, ist es halt
super komplex.
Und das macht es am Ende dann auch sehr, sehr teuer.
Okay.
Ist denn sozialer Wohnungsbau notwendigerweise ein, ich sag jetzt mal betriebswirtschaftlich
gesehen, ein Verlustgeschäft oder ich sag mal ein Sozialprojekt?
Oder kann man das auch plus, minus Null handeln?
Das kommt darauf an, ob man einen Altbestand bewirtschaftet, der einigermaßen gut dasteht.
Wenn du also deine Immobilien schon seit längerer Zeit hältst und immer geschaut hast, dass
du immer wieder Instand setzt und alle notwendigen Arbeiten geleistet hast, dann kannst du damit
auch gute Erträge erwirtschaften.
Keine Frage.
Okay.
Also es muss jetzt nicht subventioniert werden unbedingt.
Momentan, der Wohnungsneubau ist ohne Fördermittel kaum denkbar.
Jedenfalls nicht im Bereich gefördertes Wohnen.
Was würdest du denn Menschen raten, jetzt meinetwegen in München, die Schwierigkeiten
haben, bezahlbaren Wohnraum zu finden?
Vielleicht mal auf die andere Isar-Seite zu gehen.
Nein, Spaß.
Das ist jetzt nicht billiger.
Spaß.
Nein, aber man hat ja meistens so seinen sehr, sehr kleinen definierten Bereich, in dem man
unterwegs ist und seine konkrete Vorstellung, was man irgendwie gerne haben wollen würde.
Ich glaube, bei einer Wohnungsbesichtigung zählen zwei Sachen.
Erstens einmal die puren Zahlen, die musst du auf deiner Seite haben.
Also wenn du nicht dafür sorgen kannst, ein verlässliches Einkommen nachzuweisen, ist
das wahrscheinlich was, was jeden Vermieter zurückschrecken lässt.
Und das zweite ist, du musst auffallen in irgendeiner Art und Weise.
Meine allererste Wohnung, als ich ausgezogen bin kurz nach dem Abi und studiert habe in
der Maxvorstadt, die habe ich witzigerweise dadurch bekommen, dass ich geschimpft habe,
dass es keine Parkplätze gibt.
Ich glaube, ich war die Einzige auf dieser ganzen Wohnungsbesichtigung, der geschimpft
hat, weil es mir da, das war die zweite Wohnung, die ich angeschaut habe, mir war es damals
in Anführungszeichen noch wurscht, ob sie jetzt schon ist oder nicht.
Also ich hatte noch nicht so diese Leidensgeschichte.
Und er hat mich damals danach angerufen und hat gesagt, sie waren die Einzige, die ihm
irgendwie nicht Kuchen vor die Nase gehalten hat und irgendwie schön getan hat.
Also ich glaube, man muss irgendwie, man muss den Draht finden und ich glaube, wahnsinnig
langen Atem haben.
Also jedem, der da sucht, dem wünsche ich wirklich großes Durchhaltevermögen und den
Sechser im Lotto.
Ja und dir wünscht man, dass du da ein bisschen was dran ändern kannst in den nächsten Jahren
mit der Holding.
Seid ihr jetzt schon, ich sag mal, im Arbeitsmodus oder ist das noch alles so Gründung, Aufbau?
Es ist noch die Gründungsphase.
Wir brauchen noch ein paar Beschlüsse, die dem Ganzen vorangehen und hoffen dann aber
Anfang 2025 live gehen zu können.
Okay, dann haben wir das im Auge und hoffen, dass sich was bewegt.
Ja, Kristina, bis hierhin auf jeden Fall schon mal vielen, vielen Dank, dass du da
warst.
Es war total spannend und ich habe es wirklich so gemeint, wie ich es gesagt habe, man kann
eigentlich deinen Lebenslauf gar nicht in einer Dreiviertelstunde, Stunde abhandeln.
Ich hätte noch so viele Fragen, aber die wichtigsten bin ich los geworden.
Ganz, ganz herzlichen Dank, dass du da warst.
Was wir immer zum Abschluss machen, Kristina, bei nah, neugierig & Negroni, ist dem Namen,
also dem Bestandteil neugier", auch ein bisschen gerecht zu werden, indem wir ein bisschen
Neugier wecken auf den Nächsten.
In dem Fall ist es ein Er, der hier Platz nehmen wird an der Bar und das ist jetzt auch
jemand, der im Münchner Stadtleben durchaus präsent ist.
Deswegen vermute ich auch oder könnte ich mir zumindest vorstellen, dass wenn ich dir
jetzt gleich das Bild zeige, du ihn vielleicht schon erkennst.
Wir werden es sehen, vielleicht auch nicht.
Und ich habe ansonsten auch drei Tipps zu ihm dabei.
Ich hole jetzt mal das Bild.
So, das ist er nämlich.
Pass auf, ich zeige es dir hier.
Schon mal gesehen.
Wenn nicht, habe ich jetzt Tipps, die dich auf seine Spur bringen.
Schon mal gesehen und jetzt musst du mir helfen.
Ja, wir haben jetzt extra ein Bild gesucht, wo das nicht so offensichtlich ist.
Meistens rennt der Kollege nämlich...
Ja, also er sitzt im Presse-Club gegenüber vom Rathaus, das kann ich schon erkennen.
Ja, okay, da siehst du schon mehr als ich.
Ich sage mal so, meistens ist er in einem Dress unterwegs, wo man ein bisschen schneller
sieht, wo er eigentlich herkommt.
Ich habe jetzt drei Tipps zu ihm dabei.
Erstens, Erhellung ist sein Metier.
Okay, Erhellung ist sein Metier.
Okay.
Das ist noch nicht wirklich außerkräftig.
Okay, das ist wie "Exit the Room".
Pass auf, das Zweite, jetzt glaube ich, jetzt wird es gleich klack machen.
Er will auf die Wiesn, aber nicht als Gast.
Okay, er will ein Wiesenwirt werden und hat mit Erhellung zu tun.
Oder ist er ein Schausteller?
Er hat mit Erhellung zu tun.
Nee, ein Schausteller ist er nicht.
Also im gastronomischen Bereich.
Ja, jetzt als Drittes, seine Getränke sind Kult, nicht nur in Giesing.
Ach, du weia.
Da gibt es einen erheblichen Streit in der Münchner Brauerszene, ob Giesinger tatsächlich
auf die Wiesn darf oder nicht.
Das heißt, er will ja auch Bierlieferant werden und jetzt nicht zwingend wahrscheinlich
Wiesenwirt.
Genau.
Ist der Chef von Giesinger dann offensichtlich.
Richtig, das ist der Steffen Marx.
Genau, Steffen Marx, richtig.
Chef vom, Gründer auch, und Chef.
Und ich meine, es ist nun wirklich eine Münchner Erfolgsgeschichte.
Total.
Die Brauerei gibt es seit 2005.
Total.
Und sind jetzt schon da an dem Punkt, dass man sich wirklich mit dem Thema beschäftigt,
Wiesn.
Also das wird ein sehr spannendes Gespräch, kann ich deshalb sagen, weil wir haben es
schon aufgenommen, schon vor diesem Gespräch.
Und der Steffen nimmt kein Blatt vor den Mund.
Übrigens auch ein Kollege von dir, der Clemens Baumgärtner.
Ja, sagen wir es mal so, die zwei haben Differenzen.
Die müssen sich kennen.
Die kennen sich und haben so ihre Differenzen, darum geht es auch.
Aber insbesondere geht es natürlich um seine unternehmerische Geschichte, um Giesinger
einfach eine Kultmarke in München geschaffen zu haben.
Aber Erhellung finde ich gut.
Erhellung heißt…
Das ist schon sehr um die Ecke gedacht.
Ja, nee, Erhellung heißt, das ist deswegen Erhellung, weil das erste Bier von denen so
hieß.
Ja, ja, Helles.
Ja, ja, völlig klar.
Ja, das naturtrübe Helle nennen die halt Erhellung.
Ja, genau.
So, und das wird eben der nächste hier am Tresen sein.
Und dann gibt es hier auch Giesinger.
Und, auf was er sich auch eingelassen hat, lustigerweise, ist so eine kleine Blindverkostung
mit verschiedenen Münchner Bieren, unter anderem seinem.
Und da darf jede und jeder gespannt sein, ob er sein Bier rausgekannt hat.
Ich sage jetzt mal noch nichts.
Da bin ich mal gespannt.
Die Folge gibt es dann an Weihnachten hier.
Ja, und an dich, Kristina, nochmal ein ganz, ganz herzliches Dankeschön.
Es war total spannend, total kurzweilig, auch Respekt dafür, was du schon auf die Beine
gestellt hast.
In deinem Leben wünschen wir dir da alles Gute, dass es genauso weitergeht, dass du
auch deine Ziele jetzt mit der Holding umsetzen kannst.
Und ja, wir behalten dich im Auge.
Vielen Dank.
Ich kann mich nur bedanken für das wirklich tolle Gespräch.
Hat mir sehr viel Spaß gemacht und alles Gute auch für dich.
Danke.
Und danke an euch, dass ihr dabei wart, dass ihr wieder eingeschaltet habt.
Und dann wie gesagt, Weihnachten, Ende Dezember.
Steffen Marx vom Giesinger, seid wieder dabei.
Bis bald.
[MUSIK]
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